Eine zufällige und verzweifelte Aktion der Hungrigen oder eine koordinierte Reaktion des ziviliven Ungehrosams der Massen?
von Julia
Der Durchbruch der Grenze zu Ägypten, der den Menschen in Gaza gelungen ist wird auf vielerlei Weise eingeordnet: sei es die wahrhaft dumme und polarisierte Variante „islamistische Extremisten“ der Hamas seien es zu tausenden gewesen, oder sei es die auch die nicht weniger verkürzende “Gutmensch-Variante“, dies sei nur ein Akt der Verzweifelten auf Nahrungssuche. Doch je mehr man den Hintergrund dieses massenhaften zivilen Ungehorsams betrachtet, desto klarer wird, dass dies viel mehr ist als das eine oder das andere.
Diese Aktion, wenn man sie so nennen will, beinhaltet bestimmt sehr viel mehr Faktoren als nur diese beiden. Natürlich, die Menschen sind ausgehungerte und in Massenhafter Isolation gefangene –und das nicht erst nach vier Tagen „offizieller“ kompletter Blockade durch Israel. Und bestimmt haben nicht alle der inzwischen laut UN-Schätzungen 1,5 Millionen dies als politisch artikuliertes und geplantes größtes „Anti-Border-Aktion-Camp“ verstanden und deshalb daran teilgenommen.
Und doch ist es klar, dass ohne eine politische Bewusstheit, ohne eine wirkliche bemerkenswerte Organisationsfähigkeit und strategischem Planen der Sturz der Grenze wohl nicht geschehen wäre.
Laut Amira Haas, der Korrespondentin der israelischen Tageszeitung Haaretz begann die technische Umsetzung mindestens einen Monat vor dem Durchbruch. Sieht man sich die Bilder der umgestürzten Eisenmauer an wird dies auch klar: kerzengerade Schnittlinien zwischen einem übrig gebliebenen Fundament und den umgestürzten Teilen beweisen, das da jemand „am Werke“ war. Die Hamas streitet es ab, dies getan oder angeleitet zu haben. Die Popular Resistance Commttees seien es gewesen. Wer schon einmal, auch mit gutem Werkzeug ausgerüstet ein Stück Metall durchsägen wollte, das auch noch unbemerkt über einige hundert Meter, oder womöglich mehrere Kilometer hinweg, dem wird klar sein, dass dies keine ganz einfache Aufgabe ist. Zugelassen haben muss es die Hamas wenigstens, denn davon kann man ausgehen, soviel Kontrolle haben sie im Gazastreifen, dass da nicht fleissig an der Grenze gesägt werden kann, ohne dass sie es bemerkten.
Aber auch hier stimmt wieder beides: wer der Bevölkerung in Gaza zuspricht, dass sie nicht nur eine dumpfe homogene Masse ist, wer anerkennt, dass die Hamas ein Teil der Bevölkerung ist, ebenso wie nicht religiös motivierte, wie auch Linke, eine Bevölkerung, die sich nicht nur zwischen „militanten“ und unschuldigen Zivilisten teilen lässt, der kann und sollte auch anerkennen, dass es diese zivilgesellschaftlichen Widerstands Komittees gibt, die aus eben allen schichten der Bevölkerung bestehen, die verquickt mit allen Elementen in der Bevölkerung halt auch gemeinsam einen Monat lang sägen. Gemeinsam, ohne von den Nachtsichtgeräten des israelischen Überwachungsapparates oder den Ägyptischen Grenzpatrollien entdeckt zu werden. In einer Manier, auf die jede Revolutionäre Widerstandsbewegung zu Recht stolz wäre wurden zum richtigen Zeitpunkt die 15 bis 20 Sprengsätze am Morgen des 23. Januars gezündet, der vierte (?) Tag der völligen Blockade Gazas (nach Monaten von Sanktionen gegen die Bevölkerung in dem kleinen Streifen Land, wird es schwierig noch die Steigerungen einer solchen Blockade zu benennen).
Nach diesen wenigen Tagen in denen 40 Menschen ihr Leben durch Angriffe des israelischen Militärs lassen mussten, als die Panik unter den eh schon hungrigen umgriff, jetzt würden sie gänzlich verhungern, die Schrecken der Ärzte nur noch bei Notfalloperation Strom benutzen zu können, nach diesen Tagen war wohl politisch und strategisch der richtige Zeitpunkt gekommen. Angesichts dieser riesigen Katastrophe waren die Menschen in Gaza nun so weit in Massen durch die Grenze zu brechen.
Man mag es „eine Instrumentalisierung“ dieser Menschen und ihrer Emotionen nennen, wie es zynischerweise von den Unterdrückern selber oft getan wird, man könnte esaber auch als politisch irrsinnig klug und –bevölkerungsnah bezeichnen. Denn die Menschen sind nicht mit Kalaschnikows im Rücken von „militanten“ über die Grenze gejagt worden, sie sind zu hunderttausenden, mit ihren Kindern und Taschen und Eseln und Karren hinaus. Sie haben sich etwas geholt, dass alle Menschen sich holen, die eingesperrt werden: das Recht auf Bewegungsfreiheit und Nahrung, Medikamente oder einfach ein bisschen Frischluft aus dem Gefängnisalltag.
Und hierin ist die Peinlichkeit für die Besatzer verborgen: während sie von Instrumentalisierung schwafeln, während sie die Menschen Gazas polarisieren und entmenschlichen, haben sie mit ihrem riesigen Militär- und Unterdrückungsapparat, nicht nur militärisch strategische Dinge übersehen, nicht nur gutgebrauchte Sägen und Sprengsätze, sie haben übersehen, dass es Menschen sind, die sie einsperren, die sich wie Menschen wehren werden, die handeln und reagierenkönnen und die sehr viel klüger sind, als ihre Besatzer es sich vorstellen wollen.





























