“Die Israelis zerstören und wir bauen wieder auf. Das ist unser Leben.”
Geschichten unter Belagerung 2: Beit Hanoun, nördlicher Gazastreifen
Wann auch immer er an seiner Haustür steht oder aus einem der Fenster im Obergeschoss schaut, Jamal Swailem kann deutlich den Grenzübergang Erez sehen. Sein Haus liegt nur 400 Meter von Erez entfernt, nah genug um Fußgänger zu erkennen, die durch den Übergang nach Gaza laufen. Es ist auch nah genug, dass die Israelische Besatzungsarmee (IOF) jede Bewegung der Familie Swailem erkennen kann.
Jamal Swaile lebt sein gesamtes Leben in diesem Haus. Er ist nun 49 Jahre alt, hat sechs Kinder, die alle zusammen mit ihm uns seiner Frau leben. Sein 90-jähriger Vater lebte sein ganzes Leben gleich nebenan. Zwei seiner Brüder wohnen mit ihren Familien nur einige Meter entfernt. Insgesamt sind es 40 Mitglieder der Swailem Familie, die in einer Reihe von vier Wohnhäusern leben, welche fast an Grenzübergang Erez grenzen. Die Familie besitzt ein kleines Stück Land, ca. 17 Dunam, dass sie gemeinsam bewirtschaften.
„Wir hatten einmal Zitronenbäume“, sagt Jamal Swailem. “Wir hatten Organgenhaine und Limonen- und Grapefruitbäume, sogar Guaven, denn das Land heir ist sehr fruchtbar. Einige der Bäume waren 50 Jahre alt. Als sie zum ersten Mal die Bäume mit Bulldozern herausgerissen haben, haben wir sie alle wieder eingepflanzt. Sie (die Israelis) beschädigen und zerstören und wir bauen wieder auf. Das ist unser Leben. Aber als sie zum dritten Mal unsere Bäume entwurzelt haben, entschieden wir stattdessen Gemüse anzupflanzen.“
Die Zerstörung zivilen Eigentums, wie z.B. Agrarland, verstößt gegen internationale Menschenrechtskonventionen und völkerrechtliche Bestimmungen, darunter die vierte Genfer Konvention. Das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte (PCHR) untersucht und dokumentiert Verstöße gegen internationales Recht über all in den besetzten palästinensischen Gebieten. Seit 2000 zerstörte die israelische Armee mehr als 38.000 Dunam Agrarlandes in Gaza und beraubte so bewusst tausende palästinensische Familien ihres Einkommens. Das Leben der Familie Swailem stützt sich nun auf Subsistenzwirtschaft, basierend auf Tomaten, Kartoffeln und anderem Gemüse.
Jamals Haus ist mit Einschusslöchern übersät – sowohl an der Fassade als auch innen. Er sagt, dass die Armee rücksichtslos ihr Haus beschießt, jedes Mal wenn sie in die Gegend einrücken. Seine Familie hat mehrere dieser Einmärsche überlebt und lebt mit der andauernden Furcht vor dem nächsten Einmarsch. „Sie (die israelische Armee) kommen mit Panzern. Manchmal kommen sie direkt in diese Gegend, manchmal sind sie auf dem Weg in die Stadt Beit Hanoun, aber sie kommen immer hier vorbei. Hin und wieder muss die ganze Familie für mehr als zwei Tage in einem Raum bleiben, um sicher zu sein. Es ist unglaublich gefährlich“
Jamals 15-jähriger Sohn Imad sitzt an der Seite seines Vaters. „Unser Leben bedeutet Anspannung, Angst und völlige Unbeständigkeit“, sagt er. „Zu jedem Zeitpunkt erwarte ich den Tod.“ Imad berichtet, die Familie könne nach 17 Uhr das Haus nicht verlassen, da ab dann das israelische Militär einrückt. „Wir schließen die Tür ab und bleiben drinnen,“ sagt Imad. „Wir haben keine Besucher, denn die Leute fürchten sich hierher zu kommen.“ Vor zwei Jahren erschoss die Armee einen Nachbar auf der anderen Straßenseite. Aber die Familie Swailem gab nicht nach und blieb auf ihrem Land. „Ich lebe seit fast 50 Jahren hier und mein Vater lebte hier für fast 100 Jahre“, sagt Jamal. „Dies ist unser Land und wir werden bleiben.“
Nur einige Felder entfernt von den Swailems lebte eine Frau namens Samara und stillt ein kleines Wunder. Samara, die ebenfalls gefährlich nahe am Erez-Übergang lebt, war im achten Monat schwanger, als ihr schlecht wurde und sie keine Luft mehr bekam. Ihr Ehemann rief einen Krankenwagen, aber die Sanitäter weigerten sich zu dem Haus zu kommen. Samara berichtet, sie seien verängstigt gewesen, da die Armee sie gewarnt hätte sich nach Einbruch der Dunkelheit in die Gegend zu begeben. Sie sagten sie würden 800 Meter entfernt auf sie warten. Samaras Familie band sie auf einen Eselkarren und schob sie langsam zum Krankenwagen. „Ich begann zu bluten und verlor schon viel Blut bevor ich den Krankenwagen erreichte“, sagte sie. „Ich war in einer kritischen Lage und verlor das Bewusstsein. Aber, Gott sei Dank, hat mein Baby überlebt und es geht ihm gut.“ Ihr Sohn Nahed ist nun zwei Wochen alt.
Internationale Menschenrechtskonventionen verlangen, dass medizinisches Personal unter keinen Umständen Ziel von militärischen Attacken sein darf. Trotz ihres völkerrechtlich geschützten Status hat das PCHR zahlreiche Fälle von Angriffen auf palästinensische Sanitäter und Notärzte dokumentiert.
Die Erfahrungen dieser beiden Familien sind nur zwei Beispiel für die Gefahren und Gewalttätigkeiten denen sich zahlreiche Familien im nördlichen Gazastreifen ausgesetzt sehen. Aber obwohl sie in einem der gefährlichsten Teile des Gazastreifens leben, werden auch Samara und ihre Familie ihre Heimat nicht verlassen. Das PCHR wird weiter Menschenrechtsverletzungen in den besetzten palästinensischen Gebieten dokumentierten und darauf drängen, dass Zivilisten die grundlegendsten Menschenrechte gewährt werden, damit sie in Sicherheit auf ihrem eigenen Land leben können.
Der Bericht ist erschienen in der Reihe “Narratives under Siege” des Palästinensischen Zetrums für Menschenrechte (PCHR). Der vollständige Bericht ist hier als englischsprachiges PDF erhältlich.
Wenn Sie die Familie von Jamal Swailem, Samara und ihr Kind oder das das PCHR unterstützen wollen, wenden sie sich an uns. Wir stellen gerne den Kontakt für Sie her.





























