Checkpointgeschichten oder: alltäglicher low-level Terror
Wir befinden uns gemeinsam mit einem Minibus-Taxifahrer und Bewohnern des Dorfes Beit Sira nahe der Betonblöcke, welche den Zugang zu dem Dorf versperren und die Einwohner daran hindern, die auf dem ihrigen Boden gepflasterte Strasse 443 zu befahren.
Wir stiegen aus Tamar`s Wagen aus. Betonblöcke versperren die Strasse. Vor ihnen stehen Minibus-Taxis. Daran lehnend stehen Männer, einige rauchend, faulenzend, so scheint es auf den ersten Blick.
Nicht weit enfernt steht ein Militärjeep, mit geschlossenen Türen, bedrohlich wirkend, darin Soldaten. Die Verkörperung der blanken Besatzung tut sich direkt vor uns auf. Abgesperrte Dörfer. Arbeitslosigkeit. Bewaffnete Soldaten und Macht und Überprivilegierung. Während die Israelis die Apartheidstrasse entlangdüsen, in Sichtweite der Ungerechtigkeit, die sie nicht sehen wollen, die sie nicht berührt.
“Da war einer in der Nähe des Checkpoints, die Soldaten riefen ihn zu sich doch er lief in diese Richtung davon”, erzählen mehrere Stimmen auf uns ein. “Dann kamen die Soldaten und fragten wer das gewesen sei. Der Kaffeeverkäufer hier sagte ihnen er wüsste es nicht, er kenne ihn nicht. Er sei aus einem anderen Dorf. Siehst du was sie mit ihm gemacht haben?” Sie deuten auf den Boden. “Sie haben seinen Kaffee verschüttet. Und ihn geschlagen. Armer Kerl. Er hat nichts zu essen. Er macht nicht einmal zehn oder zwanzig Shekel am Tag. Er darf nicht in Israel arbeiten. Blacklisted. (Er ist auf der schwarzen Liste.) Warum haben sie das mit ihm gemacht? Er hat einen gebrochenen Arm und Metallplatten in den Beinen… behindert. Sie haben all sein Zeug auf den Boden geschmissen sodass er keinen müden Shekel mehr verdient. Der Kerl den sie jagen ist höchstwahrscheinlich ein Arbeiter. Deshalb ist er vor ihnen davon gelaufen. Er hatte seine Tasche hier hingestellt. Alle Arbeiter kommen her, weil der Kaffeeverkäufer immer hier sitzt. Also fragte der Soldat: Wessen Tasche ist das? Du musst wissen wer das ist. Doch er entgegnete er wisse es nicht. Dann sagten sie: Du darfst nicht rauchen! Nicht reden! Halt die Klappe! Dann schlugen sie die Leute hier, und haben alles ausgeschüttet. Dann haben sie den Kerl mitgenommen. Sein Bein mit den Eisenplatten und sein Gipsarm - Sie wollten ihm Handschellen anlegen aber sein Arm ist gebrochen. Das sagte er ihnen. Aber der Soldat sagte es interessiere ihn nicht. Sie haben ihn dorthin mit rüber genommen, jetzt ist er neben dem Checkpoint.
Die Sachen liegen immernoch auf dem Boden verteilt herum. All das ist gerade eben passiert. “Eine Zigarette?” “Nein danke”, antworte ich. Einerseits ist da die Grausamkeit der Gegebenheiten, zusätzlich die lakonische Art, in der sie mir berichtet werden. Nicht lakonisch. Sachlich. Merkwürdig.
“Waren es diese Soldaten dort?” Wir zeigen auf einen Jeep in der Nähe.” Ja, es waren diese Soldaten. ”
Minuten nach unserer Ankunft filmen wir sie mit unserer Kamera. Einer von ihnen steigt aus, ein Offizier, und sagt wir dürften nicht filmen. Wir sagen wir dürfen und filmen weiter. Er steigt wieder in den Jeep und sie fahren davon.
“Hast du gesehen wie sie geflüchtet sind weil sie beobachtet werden?”
Einige der Gesichter sind errötet, vielleicht waren sie vor den Soldaten davon gelaufen und sind gerade erst zurück gekommen, vielleicht auch einfach so, oder sie sind besorgt um den Kaffeeverkäufer. “Ich war gerade dabei das Taxi zu wenden,” sagt A., “als sie kamen. Der Soldat kam auf mich zu, öffnete die Tür. Stellte seinen Fuss so auf den Wagen. Und der Wagen bewegte sich noch. Er fasste nach mir. Ich sagte, warte bis der Wagen stillsteht. Er brüllte: Komm her zu mir, und deutete auf ein Paar Handschellen. Ich sagte, das machst du auf keinen Fall. Da waren vier Soldaten. Sie kamen alle zu mir. Steh auf! Halts Maul! Ich weigerte mich. Das geschah etwa fünf Minuten befor ihr her gekommen seid. Als sie die Kamera sahen, sind sie abgehauen. Weil ihnen jetzt jemand auf den Fersen ist.”
“Sie sind alle dort rüber zu den Bäumen,” sagt ein Anderer, und wir schauen alle zu der Stelle auf die er mit dem Finger deutet. “Sie sind nun zum Dorf gefahren. Schaut da rüber.” Wir konnten gerade mal einen Jeep weit weg bei den Bäumen auf dem Hügel erspähen. Dann vernahmen wir Geräusche. Es dauerte einen Moment um zu begreifen was es war. “Hört ihr das nicht?” Wir hatten es gehört. “Sie sind bei Beit Sira. Noch nicht drinnen,” sagt einer. “Vielleicht schießen sie in die Luft.”
Lange, schreckliche Minuten folgen, in denen wir Schüsse hören, dann hört es auf.
Dieser Ort, an dem wir standen und uns unterhielten ist die versperrte Zugangsstrasse zu Beit Sira, Khirbata und Beit Liqya und anderen Dörfern von der Strasse 443, jene Strasse, die dem Verkehr nach Ramallah und allen anderen Orten von den Dörfern dieser Gegend diente. Seit einigen Jahren nun ist es ihnen nicht mehr gestattet die Strasse zu nutzen. Das heisst, anstatt in zehn oder höchstens zwanzig Minuten nach Ramallah, dem regionalen Ballungsraum zu gelangen, müssen sie anderthalb Stunden durch diverse Dörfer, löchrige Straßen, Gräben und Schlaglöcher fahren. Das bedeutet auch, dass es keine plötzlichen Geburtswehen, keine Sterbenden und keine Herzattacken mehr geben darf, weil die Strassen gesperrt sind, und beschwerlich, und gefährlich ist der Weg. Die kurze, eben-gepflasterte Autobahn ist strengstens nur für die Privilegierten zugelassen. Zwei Wertesysteme, zwei Strassen und unterschiedliche Bürgerrechte sowie ungleiches Recht auf Leben.
Die Drangsalierung hat noch zugenommen, seit sie sich mit Hilfe eines von der Assoziation für Bürgerrechte in Israel gestellten Anwalts ans Gericht gewandt haben, um ggen das Verbot der Strassennutzung anzugehen. (Die Strasse hat sich ihren Weg durch das Palästinensern gehörende Land gebahnt, welches sie nicht verkauft hatten. Es wurde von ihnen mit der absurden und grausamen Begründung konfisziert, ihre Bedürfnisse erforderten den Bau der Autobahn.)
Sehr wohl, die Schikanen gab es schon immer, doch in letzter Zeit sind sie allgegenwärtig. Oftmals täglich, besonders nachts. Manchmal dringen Soldaten wöchentlich in die Dörfer ein, schießen manchmal in die Luft, terrorisieren mit Tränengas, oder machen einfach Lärm um den Menschen Angst zu machen.
Fortsetzung: Soll das Kind doch zu Hause sterben!.
Quelle: Kibush.org






























Februar 16th, 2008 at 18:01
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