Soll das Kind doch zu Hause sterben!
Teil 2: Fortsetzung von Checkpointgeschichten oder: alltäglicher low-level Terror.
“Sie kommen, um den Kindern Angst zu machen,” sagt A. Er hat sieben Kinder. “Sie sind also in der Nacht gekommen, letzte Woche, haben alle in eine Ecke gedrängt. Mitten in der Nacht. Alle hatten bereits geschlafen, die kleinen Kinder hatten Angst. Und sie setzen Tränengas ein, sogar gegen die Kinder. Es ist zu schwer. Zu schwer. Wenn du meine Kinder siehst, wirst du weinen. Sie sind so klein. Zwei Jahre, sieben Jahre alt… Sie können nicht schlafen. Manchmal kommen sie jeden Tag. Sie haben mal alle Strassen im Dorf gesperrt, niemand durfte die Häuser verlassen.”
Ein junger Mann, etwa 30 Jahre alt oder etwas älter, unterbricht. Sein Gesicht wirkt angespannt und verschlossen. Verständlich wenn man seine Geschichte gehört hat.
“Ich habe ein krankes Kind, er wird bald sterben. Sie haben die Strassen um 10 Uhr gesperrt. Man durfte nicht raus – Ausgangssperre. Ich sagte dem Soldaten, das Kind sei krank. Er solle mich rauslassen, um zum Arzt zu gehen. Ich sagte ich wäre in zehn Minuten zurück. Ich lasse meinen Ausweis bei Dir. Er sagte Nein. Ich flehe Dich an, sagte ich, er stirbt. Das Kind wird sterben. Der Soldat antwortete: Soll das Kind doch zu Hause sterben.”
“Verstehst du, er sagte ich dürfe nicht raus, wo mein Kind doch krank ist. Die Soldaten sind alle Bastarde. Ein kleines Kind soll zu Hause sterben? Ich ging wieder nach Hause. Ich trank etwas Wasser, spülte meinen Mund aus. Was sollten wir machen? Sie hatten alles abgeriegelt. Sie sagten es wäre verboten… Er ist krank, sein Herz. Zwölf Jahre alt. Er braucht eine Behandlung. Ich nahm ihn am Morgen. Ich wartete bis 4 Uhr, bis sie das Dorf verlassen hatten, dann nahm ich ihn mit.”
“Sie sagten, ich solle mein Kind zu Hause sterben lassen. Mein eigenes Kind.” Dann war er einen Moment lang still. “Wie ein richtiger Mann steht er da mit seiner Waffe. Sie haben Glück, dass sie ihre Waffen haben. Hätten sie die nicht, würde ich es ihnen zeigen. In den Dreck würde ich sie schmeissen.” Wir hielten alle inne. In dem Meer der Dinge, der Ungerechtigkeit, abstrakt und doch so greifbar. Sein kleiner Sohn, so krank, nahm den ganzen Raum ein, alle Vorstellung und Priorität. Wir warteten bis sich sein Blick gesenkt hatte, dann fuhren wir fort:
“Es sind diese Soldaten hier, von dem Checkpoint. Sie sind immer hier”, beantworten sie unsere Frage. “Gestern kamen die Soldaten um zehn Uhr am Morgen ins Dorf. Sie schnappten sich einen 10-jährigen Jungen und schlugen ihn mit einem Stock. Gerade erst gestern.”
“Nachts können sie nicht schlafen. Sie sind ängstlich,” sagt ein älterer Mann. “Alles verbieten sie. Rede nicht! Schalt den Motor ab! Ich will nichts hören! … als wäre man kein Mensch.”
Einer nach dem anderen erzählen sie uns von den Überfällen, von bettnässenden Kindern, darüber wie Soldaten nach Kharbata kamen und die Menschen in ein Zimmer einsperrten, während sie das Haus nach Geld durchstöberten und es nahmen. Ein Haus nach dem anderen. Sie reden darüber wie schwer alles ist, und wie viel einfacher die Dinge einmal waren.
“Der Punkt ist, die Strasse ist auf Land gebaut, das man uns gestolen hat,” sagt H. “Wenn sie in Israel eine Strasse bauen, durch jemandes Land, dann zahlen sie ihm eine Entschädigung. Wir wollen nicht bezahlt wreden, sie sollen bloß die Strasse öffnen, sie uns legal nutzen lassen. Ich will keine Entschädigung für mein Land, ich will nur die Strasse benutzen, um nach Ramallah zu fahren. All das quält die Menschen doch nur. Sie leiden.”
Ein Taxifahrer, streng wirkend, erzält mit Wut in den Augen: “Zwei Menschen sind in meinem Taxi gestorben, weil man uns nicht durch gelassen hat. Sie waren krank. Doch die Soldaten sagten, sie würden uns nicht durchlassen. Lass sie doch in deinem Taxi verrecken! sagten sie.”
Er erzählt uns, dass er Geschichte an der Fernuni studiert. Er möchte alles wissen. “Weil alles mit Geschichte zu tun hat. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in der Stadt. Nur hier. Wir wollen, dass alles so wird wie es früher war. Ein Israeli darf sich frei bewegen, und ich darf das nicht? Dies ist Südafrika, so einfach ist das. Getrennte Plätze, man geht getrennt aus, getrennte Strände. Wir haben hier dasselbe. Dies ist mein viertes, fünftes oder sechstes Jahr seit ich nirgendwo hingegangen bin. Ist das Leben?
Die Menschen stehen unter einem enormen Druck. Sie… was soll man machen. Die Menschen werden verrückt. Die Soldaten bedrängen die Leute. Wenn du jemanden zu lange bedrängst, was wird er dann tun? Sich in die Luft sprengen. Verrückt werden.”
Selbst wenn Israel`s Ausgangspunkt nicht offenkundig falsch und unmoralisch wäre, wenn also tatsächlich die gesamte Politiklinie der Unterdrückung, Beschränkung, Enteignung und Bedrängung eine bloße Konsequenz der Terrorattacken wäre; ja selbst wenn wir annehmen, Israel hätte ohne den Terrorismus keinen solchen diskriminierenden, brutalen Apparat geschaffen, so gibt es doch aus Sicht eines jeden Palästinensers keinerlei Verbindung zwischen diesen Anschuldigungen und ihm selbst. Er kann sich nicht vorstellen, weshab es ihm verwehrt bleibt die Strasse zu befahren, die ihm ein Zugang zu gewissen Lebensräumen wäre, oder weshalb er den Checkpoint nicht überqueren darf. Was hat das alles mit ihm zu tun? Wirklich garnichts.
Er wollte sich nicht fotografieren lassen, also taten wir es nicht. Er ist Ende Zwanzig. Eine frische Wunde zeichnet seine Stirn. Auch er war vorhin von den Soldaten geschlagen worden. Ihm wurde gerade erst seine Arbeitsgenehmigung für die Siedlung Mevo Horon entzogen, nun sitzt er also müßig an der Absperrung des Dorfes Beit Sira, seines Dorfes. Es ist mit seinem privaten PKW hier und hofft, jemand würde seine Dienste als Taxifahrer in Anspruch nehmen, doch die Chancen dafür sind mager. Die wenigen eintreffenden Menschen nehmen Minibusse und bestellte Taxis, die ohnehin nicht ausgelastet sind.
“Ich habe in Mevo Horon gearbeitet. Sie öffnen das Tor für die Arbeiter um sieben Uhr morgens, eine Stunde lang. Dann öffnen sie es wieder von fünf bis fünf Uhr dreissig am Nachmittag. Das wars, dann ist es geschlossen. Wenn aber einer bis sieben arbeiten muss, was dann? Ich hatte also um sieben Uhr Feierabend, und das Tor war bereits geschlossen. Wohin sollte ich gehen? Ich ging also nach Modi’in um hierher zu gelangen. Die Polizei griff mich auf und wollte meine Genehmigung sehen. Ich zeigte sie ihnen. Sie sagten die sei nur für Mevo Horon, fragten was ich denn in Modi’in mache. Ich antwortete, ich hatte keine Wahl, ich dürfe nicht in Mevo Horon bleiben, und das Tor sei schon geschlossen. Ich wolle nur nach Hause gehen, das sei alles. Sie nahmen mich dann mit auf die Polizeiwache und verhörten mich. Danach habe ich keine Genehmigung mehr erhalten können, und damit keine Arbeit mehr.”
Quelle: Kibush.org





























Februar 16th, 2008 at 18:10
[...] Fortsetzung: Soll das Kind doch zu Hause sterben!. [...]