Sechzig Jahre nach Deir Yassin
von Ronnie Kasrils
Als 10-Jähriger, der in Johannesburg aufwuchs, feierte ich vor 60 Jahren Israel`s Geburt. Ich akzeptierte ohne jegliche Zweifel die dramatischen Darstellungen der sogenannten Verteidigungsaktionen zur Rettung des Staates Israel vor der arabischen Aggression. Die Art der Indoktrination, die im Zuge dieser Ereignisse betrieben wurde, hat der südafrikanische Karikaturist Zapiro in seiner sarkastischen Arbeit beleuchtet, bei der sich Schriftgelehrten wie David Saks vom jüdischen Abgeordnetenrat Südafrikas die Nackenhaare sträuben.
Als ich mich unserem Befreiungskampf anschloss wurden mir die Ähnlichkeiten zum Kampf der Palästinenser bewusst, die Landenteignungen, das Geburtsrecht in einer sich ausweitenden Besatzung durch Siedler.
Mir wurde bewusst, dass der Vergleich des rassischen und kolonialen Charakters dieser beider Konflikte näher liegt als der mit irgend einem anderen Kampf. Als Nelson Mandela sagte, dass wir als Südafrikaner wüssten, dass unsere Freiheit ohne die Freiheit der Palästinenser unvollständig sei, sprach er nicht einfach nur zu unserer muslimischen Gemeinde, die erwartungsgemäß damit symphatisieren würde, sondern zu allen Südafrikanern, weil wir alle die Erfahrung der rassischen und kolonialen Knechtung gemacht haben und den Wert der internationalen Solidatität kennen.

Karrikatur des südafrikanischen Karrikaturisten Zaprio, der später von David Saks angegriffen wurde und iene Debatte in dem Land auslöste.
Als ich damals vom Schicksal der Palästinenser erfuhr, war ich zutiefst erschüttert. Und besonders dann, als ich die Augenzeugenberichte des Massakers in einem palästinensischen Dorf las, das einen Monat vor der unilateralen Unabhängigkeitserklärung Israels stattfand. Es geschah in Deir Yassin, einem ruhigen Dorf nahe Jerusalem, das unglücklicherweise an der Strasse nach Tel Aviv lag. Am 9. April 1948 wurden dort 254 Männer, Frauen und Kinder von den zionistischen Truppen niedergemetzelt, um die Strasse zu sichern. Da dies einer der wenigen solchen Vorkommnisse war, dem im Westen Aufmerksamkeit durch die Medien zuteil wurde, versuchte die zionistische Führung nicht es zu leugnen, sondern stellte es als Verirrung von Extremisten dar. Tatsächlich war diese Greueltat jedoch Teil eines augedehnten Plans, der vom zionistischen Oberkommando entworfen und von Ben Gurion persönlich geleitet wurde. Sein Ziel war die ethnische Säuberung der Palästinenser aus dem Gebiet welches unter dem britischen Mandat stand, und damit die Aneignung von soviel Land wie nur möglich für den geplanten jüdischen Staat.
Es gibt viele Berichte, die bekräftigen dass in Deir Yassin eine Mordorgie stattfand, die weit über das Sharpville Massaker von 1960 hinausgeht, welches mich dazu bewegte, mich dem afrikanischen Nationalkongress anzuschliessen. Meine Reaktion war: Wenn mich Sharpville entsetzt hatte, konnte ich dann eine gleichgültige Haltung gegenüber Deir Yassin einnehmen?
Fahimi Zidan, der damals als Kind überlebt hatte indem er sich unter den Leichen seiner Eltern versteckt hatte, erinnert sich: “Die Juden befahlen uns, uns an der Wand aufzureihen. Sie begannen zu schießen, alle wurden umgebracht: mein Vater, meine Mutter, Großvater und Großmutter, Onkel und Tanten und manche ihrer Kinder. Halim Eid sah, wie ein Mann meiner Schwester, die schwanger war in den Nacken schoss. Dann schnitt er ihr mit einem Schlächtermesser den Bauch auf… In einem anderen Haus sah Naaneh Khalil, wie ein Mann meinen Nachbarn mit einem Schwert aufschlitzte… .”
Einer von den Truppen, ein schockierter jüdischer Soldat namens Meir Pa`el, berichtete an das Oberkommando der Haganah: “Es war Mittag als der Kampf beendet war. Es war ruhig geworden, doch das Dorf hatte sich nicht ergeben. Die Paramilitärs der Etzel (Irgun) und der Lehi (Stern) begannen ihre Aufräumaktion. Sie schossen mit allen Waffen die sie hatten und warfen Sprengstoff in die Häuser. Sie erschossen jeden den sie sahen. Die Kommandeure schickten sich nicht an, über das Schlachten zu wachen. Ich bettelte zusammen mit einigen Einwohnern, die Kommandeure sollten doch Befehle geben, das Schießen beenden, doch unsere Mühen waren erfolglos. Etwa 25 Männer wurden aus den Häusern gebracht. Sie wurden in Lastwagen geladen und in einer “Siegesparade” durch Jerusalem gefahren. Dann wurden sie zu einer Mine gebracht und erschossen. Die Frauen und Kinder, welche überlebt hatten luden die Soldaten auf einen Lastwagen und brachten sie zum Mandelbaum Tor.”
Ein britischer Offizier, Richard Catling berichtete: “Es besteht kein Zweifel daran, dass viele sexuelle Greueltaten seitens der angreifenden Juden verübt wurden. Viele junge Schulmädchen wurden vergewaltigt und später geschlachtet. Auch viele Säuglinge wurden geschlachtet und ermordet. Ich sah auch eine Greisin, auf deren Kopf heftig mit einem Gewehrkolben eingeprügelt wurde.”
Jacques de Reynier vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes traf das “Aufräumkommando” bei seiner Ankunft im Dorf: “Die Bande, junge Männer und Frauen, waren bis an die Zähne bewaffnet und trugen Macheten mit sich. Die meisten davon waren noch blutbeschmiert. Ein schönes junges Mädchen zeigte mir ihre bluttriefende Machete. Sie führte es wie eine Trophäe vor. Das war das “Aufräumkommando”, das offensichtlich ihre Aufgabe sehr gewissenhaft erledigte.”
Er beschrieb die Szene, der er sich beim Betreten der Häuser gegenüber fand:
“Zwischen den Möbeln fand ich einige ausgeweidete Leichen. Das “Aufräumen” war mit Maschinengewehren und Handgranaten vonstatten gegangen, und mit Messern beendet worden. Ich schob die Leichen zur Seite, und fand ein kleines von einer Handgranate verstümmeltes Mädchen. Es war überall derselbe schreckliche Anblick. Diese Bande war erschreckend diszipliniert und hatte lediglich Befehle ausgeführt.”
Die Greueltaten in Deir Yassin spiegeln das wieder, was auch andernorts geschah. Der israelische Historiker Ilan Pappe hat 31 Massaker akribisch protokolliert, von Dezember 1947 bis Januar 1949. Sie attestieren eine systematische Terrorherrschaft, die die Flucht der Palästinenser von ihrem Geburtsland einleiten sollte. Als Resultat wurden beinahe alle palästinensischen Städte rasch entvölkert und 418 Dörfer systematisch zerstört.
Als erster Landwirtschaftsminister Israels erklärte Aharon Cizling am 17. November 1948: “Ich habe oft widersprochen wenn die Briten als Nazis bezeichnet wurden, auch wenn sie Naziverbrechen begangen haben. Doch jetzt haben sich auch die Juden wie Nazis verhalten, ich bin erschüttert.” Trotz dieser Gefühle stimmte Cizling zu, dass diese Verbrechen geheim gehalten werden sollten, was einen nachhaltigen Präzedenzfall schuf. Dass solche Barbarei nur drei Jahre nach dem Holocaust von Juden begangen worden war, muss zu grässlich gewesen sein um es ins Auge zu fassen, da es eine gravierende Peinlichkeit für den Staat Israel bedeutet hätte, der zum “Licht unter den Nationen” empor gehoben wurde. Deshalb wurde der Versuch unternommen, die Wahrheit hinter einem Schleier aus Geheimhaltung und Desinformation zu verstecken. Wie konnte man besser jegliche Ermittlungen verhindern, denn mit Berufung auf das allumfassende Alibi vom Recht Israel`s auf Selbstverteidigung, die unproportionale Gewaltanwendung und kollektive Bestrafung gegen jeglichen Widerstand mißachtend.
Genau weil Israel mit solchen Verbrechen davon kommen konnte, verfolgte es weiterhin seinen blutigen Pfad. Laut Ilan Pappe liegt “fünfzehn Autominuten von der Universität in Tel Aviv entfernt das Dorf Kfar Qassim, wo am 29. Oktober 1956 israelische Truppen 49 Dorfbewohner massakrierten, die auf dem Heimweg von ihren Feldern waren. Danach kam Qibya in den 1950ern, Samoa in den 1960ern, die Dörfer in Galiläa 1976, Sabra und Shatila 1982, Kfar Qana 1999, Wadi Ara 2000 und das Flüchtlingslager von Jenin 2002. Zusätzlich gibt es die vielen Tötungen, die von der israelischen Menschenrechtsorganisation B`Tselem dokumentiert werden. Israel hat nie aufgehört, Palästinenser zu ermorden.” Der Mord an 1.500 libanesischen Zivilisten im Zuge von Israels wahlloser Bombardierung des Landes 2006; die täglichen Toten in den palästinensischen Gebieten, die 120 Toten im Gazastreifen innerhalb von einer Woche – einschliesslich 63 an nur einem Tag – im März 2008, davon ein Drittel Kinder; diese Ereignisse sind Teil eines blutigen Fadens, der Israels schändliche Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet.
Israel wird bald den 60sten Geburtstag seines Bestehens feiern. Dabei wäre den Israelis und den Unterstützern der Zionisten angeraten die Gründe anzuerkennen, weshalb es keinen Grund zum Feiern für Palästinenser und friedliebende Menschen weltweit gibt. Es wird eine Zeit der Trauer und der Protestaktionen sein; eine Zeit um der zahllosen Opfer zu gedenken, wovon das Leid der Einwohner Deir Yassins der Inbegriff ist, ein Ort der ironischerweise nur einen Steinwurf vom Holocaustmuseum Yad Vashem entfernt liegt.
Solange Israel seine Vergangenheit nicht konfronierert, wie es viele in Südafrika versucht haben, wird man ihm weiterhin mit Abscheu und Argwohn entgegen treten. Israelis werden weiterhin arabisches Leben als wertlos betrachten und weiter mit dem Schwert und der Täuschung leben, und dann Verwunderung heucheln wenn Palästinenser mit Gewalt antworten. Ohne sich mit dem Schmerz auseinander zu setzen, den sie verursacht haben, kann es keine Heilung und keine Lösung geben. Dies zu tun würde eine Basis bilden für den Respekt allen Lebens, und für das friedliche, auf Gleichheit beruhende Zusammenleben der Palästinenser und Israelis. Indem wir uns der Wurzeln des Konfliktes bewußt werden und unsere Solidarität zeigen, können wir Südafrikaner unseren Teil zutun, um eine gerechte Lösung herbei zu führen sowie die Freiheit, von der Nelson Mandela gesprochen hatte, verwirklichen. Ich glaube dass Südafrikaner wie Zapiro genau solches tun.
Ronnie Kasrils ist Informationsminister in Südafrika
Quelle und weitere Quellenverweise: Electronic Intifada




























