Die Bomben-Kommandos: Wie überlebt man ein Flüchtlingslager in Gaza
von Ramzy Baroud
Wir warteten atemlos. Schweres Atmen war unter diesen besonderen Umständen gefährlich. Die Armee, darauf wies mein Vater oft hin, reagiere selbst auf die geringsten Bewegungen oder Geräusche – ein Flüstern, ein Husten oder, Gott bewahre, ein Niesen. Folglich saßen wir in völliger Stille. Munir, mein jüngerer Bruder, wurde mit der Mission beauftragt durch die rostigen Löcher an der Eingangstür zu spähen. Es ärgerte mich, dass nicht ich derjenige war, der für diese scheinbar lebensgefährliche Mission auserwählt wurde.
Mein Vater erklärte, Munir sei kleiner und flinker, er konnte den Hin- und Rückweg zwischen der Beobachtungsebene und dem Raum wo sich alle versteckten, nahtlos überwinden. Die Eingangstür des Hauses war übersäht mit Löchern; die obere Hälfte erzählte von vergangenen Kämpfen zwischen Steine werfenden Nachbarn und israelischen Soldaten. Die Löcher in der unteren Hälfte stammten aber nicht von den Kugeln, sondern von Rost und Korrosion. Diese Löcher boten uns gute Dienste. Munir würde auf seinem Bauch liegen und durch sie durch spähen; er folgte der Bewegung der Soldaten, während ihre Armeefahrzeuge den Platz vor unserem Haus nutzten. Sie dachten von dort aus über ihre nächste Aktion nach und nutzten die Stufe zu unserem Haus oft als Ort fürs Mittagessen oder einen Tee. Schlimmer war, dass sie oft ihre Frustrationen an den hilflosen Bewohnern des Hauses, also meiner Familien, ausließen.
Aber dieses Mal sah es wirklich düster aus. Nie hatten sich Soldaten in so großer Zahl versammelt und waren so lange geblieben. Munir, der zunehmend beunruhigende Nachrichten brachte, kroch zurück und voran, zwischen Tür und Küche – wo wir uns oft versteckten – dem einzigen Raum mit einer Beton-Decke und deshalb viel sicherer als der Rest des Hauses.
„Dort sind Männer in weiß.“ Mit völliger Verwunderung gab er die neuesten Entwicklungen bekannt. „Sie tragen Masken. Und dort ist ein Roboter.“ Ausnahmsweise zweifelten wir an Munirs Version der Ereignisse, welche meistens genau und wahrheitsgemäß waren. Nur mein Vater schien es zu verstehen. „Bomben-Kommandos,“ flüsterte er. Seine Worte ließen uns in einem Zustand der Furcht und Sprachlosigkeit zurück. Der reine Terror, den wir in diesem Moment fühlte, war von neuer Art. Eine Bombe nur wenige Meter von unserem Haus entfernt und wir konnten den Scharfschützen nicht entkommen, die überall entlang der Straße positioniert waren – auf dem Wasserturm, hinter den Gräbern, überall.
Meine Mutter eilte in ihre sichere Ecke der Rezitation von Koran-Versen. Sie erörterte lange, dass die gewählten Verse des Korans ein Schutzschild zwischen jemanden und seinen Feinden kreieren könnten. Mein Vater war nicht in der Stimmung über sie oder irgendjemand anderen zu spotten. Er blickte als befände er sich in Trance. Ich kann mir kaum vorstellen, was ihm an diesem Tag durch seinen Kopf gegangen seinen muss. Er zog eine Zigarette aus einer langen, weißen Packung Kents und schien den Punkt gewöhnlicher Nervosität überschritten zu haben.
Selbst wenn sie die Bombe entschärfen, würden die Soldaten sehr wahrscheinlich alle Jungendlichen im Viertel festnehmen, wie sie es schon oft getan hatten – mit uns beginnen und jeden in die temporären Verwahrungseinrichtungen des Militärlagers treiben. Folter und Prügel, um dringend benötigte Informationen zu erlangen, würden mit Sicherheit folgen.
Meine Mutter war immer noch in ihrer Ecke mit hörbaren Worten, die hier und da die beängstigende Stille durchbrachen. Dinge über Gott und „meine Kinder sind das Einzige, was ich in diesem Lebe habe“ und anderes Flehen. Mein Vater rief Munir auf, zu uns zu kommen und entschied sich selbst die Mission des Beobachtens, was draußen passierte, zu übernehmen.
Mein Vater lag für eine lange Zeit mit dem Gesicht nach unten. Ein Militärhubschrauber schwebte für eine Weile auf der Stelle und verschwand, vielleicht einem sich bewegenden Ziel folgend, dachte ich. Hubschrauber sind der beste Weg Fidayeen – Freiheitskämpfern – hinterher zu jagen, während diese versuchten in die Obstplantagen des Flüchtlingslagers zu fliehen. Haben sie denjenigen gefunden, der die Bombe platziert hat? Aber was ist mit der Bombe selbst? Neuigkeiten waren immer noch rar und mein Vater lag auf den abgeschlagenen Fliesen hinter der Tür.
Plötzlich sprangen draußen die Motoren der Armeefahrzeuge an. Einige begannen weg zu fahren. Der Lärm nahm immer stärker ab. Das Murmeln und Plaudern schien daraufhin zuweisen, dass Fußsoldaten die einzigen Verbliebenen waren. Die Verwirrung nahm zu, dieses mal gleichwohl mit etwas hoffnungsvollem Ausblick. Sollten wir wirklich diese Nervenprobe überleben? Mein Vater machte sich auf den Rückweg, kroch zurück in die Küche. Er kroch oft auf diese Weise, um mit seinem Armeetraining vor vielen Jahren anzugeben. Wir blickten ihn mit fragenden Augen an. Meine Mutter verließ ihre symbolische Ecke für wenige Momente und kam zu uns.
„Es ist unser Müllsack,“ sagte mein Vater in einem Ton, der das Mysterium ausräumen sollte. „Sie dachten unser Müll sei eine Bombe.“ Mein Vater entschloss sich nur wenige Stunden zuvor unseren Müll auf die Straße zu werfen. Müll, den wir wochenlang in unserem Haus sammelten, während uns die militärische Ausgangssperre zwang im Haus zu bleiben, ohne die Möglichkeit nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Einige Stunden zuvor tat er, wonach wir ihn seit Tagen gedrängt hatten, da wir es mit dem erstickenden Geruch nicht mehr aushielten. Er öffnete die Doppeltür für wenige Sekunden und warf den schwarzen Müllsack so weit wie er konnte in die Mitte des offenen Platzes vor unserem Haus. Er ahnte nicht, dass sein verzweifelter Akt, die israelische Armee in Alarmzustand versetzen würde, Bomben-Kommandos herbringen würde, Hubschrauber und wahrscheinlich jeden verfügbaren Panzer und jedes Armeefahrzeug in unser unverdächtiges Viertel.
Innerhalb weniger Minuten kehrte die Gelassenheit und Ruhe der militärischen Ausgangssperre zurück. Außer, dass die Schalen von Wassermelonen und meines Vaters leere Kent-Packungen und andere Dinge verteilt über die Straße lagen. „Wessen Gott verdammte Idee war es, den Müll auf die Straße zu werfen?“ murmelte mein Vater. Niemand antwortete. Mein Vater paffte an seiner Zigarette und vergrub sich in eine grübelnde Stimmung. „Seit dem Krieg von `67 habe ich kein solches Militäraufgebot gesehen,“ sagte er. Sein surrealer Blick wurde von einem kaum hörbaren Kichern unterbrochen, und dies reichte aus einen Sturm des Gelächters unter meinen Brüdern und selbst meiner Mutter zu entzünden, welches für lange lange Zeit anhielt.
Ich nahm mein Position ein, blickte durch die rostigen Löcher um ein wenig der Aufregung aufzuschnappen und folgte dem Fortgang des Mülls, der vom Wind und hungrigen Katzen in jede mögliche Richtung verteilt wurde. „Hey Leute, die Ketten des Panzern haben den Platz draußen gelockert. Er sollte nun wirklich gut für Fußball sein, wenn die Ausgangssperre aufgehoben ist,“ erklärte ich jubelnd.
Und tatsächlich wurde die Ausgangssperre aufgehoben, ca. 40 Tage später.
Ramzy Baroud ist ein palästinensischer Autor und Redakteur von PalestineChronicle.com. Der Text ist die Übersetzung eines Ausschnittes aus seinem jüngsten Buch „101 Ways to Survive a Refugee Camp.“ Der englische Originaltext wurde vorab von der palästinensischen Nachrichtenagentur Ma’an News veröffentlicht.


















Juli 16th, 2008 at 17:21
was für ein leben die da führen ,das ist doch kein leben mehr. Und dann erzähllt der westen wir müssen den terror stoppen. Ich lach mich kaputt. Der schlimmste terror kommt doch von den amerikaner und den juden. Wie die da leben könnte ich nicht leben. MEIN RESPEKT. Und die welt guckt zu die haben ja andere interessen. Diese schweine