Israelische Razzien gegen Wohlfahtsorganisationen werden zum Problem für die Autonomiebehörde
von Griff Witte
„Alles was ich hatte, habe ich in dieses Geschäft investiert. Es ist meine Lebensgrundlage,“ sagt der 23-jährige Baha al-Baz, während die ausgestopften Zeichentrickcharaktere Winnie Pooh und Tweety über seine Schulter spähen. „Alle Besitzer kamen nur hierher, um zu arbeiten. Es ist nicht Fatah. Es ist nicht Hamas. Es ist ein Einkaufszentrum.“
Als Faris Abu Hasan sich entschied an welche Schule er seinen beiden jungen Töchter schicken würde, stand ein Faktor über allen anderen: Das Testergebnis.
So entschied sich Abu Hasan gegen die heruntergekommenen öffentlichen Schulen und wählte stattdessen die islamische Mädchen-Grundschule, in der es kleine Klassen gab und die Lehrer individuelle Betreuung in Mathe, Wissenschaften, Geschichte und Englisch anboten.
„Ich wollte, dass sie zur besten Schule in Nablus gegen. Und dies ist die beste Schule in Nablus,“ sagt der Anwalt Abu Hasan.
Aber die Schule steht der Hamas nahe, die islamistische Bewegung, die von Israel als terroristische Organisation eingestuft wird. In einer Nacht vergangene Woche stürmte die israelische Armee die Schule – beschlagnahme Computer, zerstörte Schreibtische und rissen die Kunstwerke der Schüler von den Wänden. Auf Anweisung wird die Schule für drei Jahre geschlossen.
Die Operation war Teil einer viel größeren Razzia, die Israel kürzlich gegen das umfangreiche Hamas-Netzwerk von sozialen Dienstleistungen im besetzten Westjordanland begonnen hat. Während die Hamas wahrscheinlich am bekanntesten für ihren militärischen Flügel ist, welcher Angriffe gegen den jüdischen Staat durchführt, sind es durch die Gruppe finanzierte Schulen, medizinische Zentren, Waisenhäuser und Suppenküchen, die ihr einen großen Teil ihrer Bedeutung geben und ihr halfen die palästinensischen Wahlen 2006 zu gewinnen.
Während die zerbrechliche Waffenruhe in Gaza anhält, fokussiert sich Israel nun darauf Hamas Wohlfahrtsarbeit im Westjordanland zu untergraben. Die Bemühungen dort sind notwendig, denn Israel muss dagegen ankämpfen, dass die Hamas der pragmatischeren Fatah-geführten Palästinensischen Autonomiebehörde noch mehr Bedeutung abnimmt, so wie sie es letztes Jahr in Gaza getan haben.
Aber die Razzien haben auch Ärger gesät und die Palästinensische Autonomiebehörde in eine schwierige Position manövriert: Obwohl die Hamas von Fatah-Führern als tödliche Bedrohung wahrgenommen wird, sorgen sie auch für wertvolle Dienste, die die Autonomiebehörde nur schwer ersetzen kann. Jedesmal, wenn Israel eine Schule oder eine Klinik stürmt und schließt, bleibt eine Lücke zurück, die die Menschen noch unzufriedener mit der Autonomiebehörde macht.
„Die, der mit diesen Razzien am meisten genützt ist, ist Hamas selbst,“ sagt Jamal al-Muhaisa, Gouverneur von Nablus und Fatah-Mitglied. „Es ist peinlich für die Palästinensische Autonomiebehörde, dass wir diese Einrichtungen, die unter unserer Kontrolle stehen, nicht beschützen können. Es lässt die Leute Sympathie für die Hamas empfinden.“
Der Schaden ist besonders schwer in Nablus, sagt Muhaisen, denn die 135.000 Einwohner-Stadt sollte ein Vorzeigemodel der Palästinensischen Autonomiebehörde werden. Israel übergab die Sicherheitskontrolle in der Stadt vergangenes Jahr an die Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde und seitdem, so sagt Muhaisen, haben sie Fortschritte gemacht, die Ordnung zu verbessern. Solche Vorgänge sind kritisch für die anhaltenden Friedensgespräche zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde, welche darauf abzielen ein Schema für palästinensische Staatlichkeit bis zum Ende dieses Jahres zu entwickeln.
Doch während die Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde Nablus tagsüber kontrollieren, rückt die israelische Armee in den meisten Nächten noch ein. Nachts schickt Israel Konvois aus Trucks und Jeeps in das Stadtzentrum und stürmt Einrichtungen, die unter Verdacht stehen Verbindungen zur Hamas zu haben. Beweise werden gesammelt und eine Schließungsanordnung zurückgelassen. Mehr als ein Dutzend Einrichtungen sind bisher betroffen.
Am Morgen nach der Razzia erreichten Lehrer die islamische Schule und fanden ein fast vollständig ausgebranntes Gebäude vor. „Alles war zerstört – meine Bücher, Papiere, meine Klausuren,“ sagte Haneen Abu Aisheh, die Englisch und Kunst an der Schule unterrichtete, seit diese vor vier Jahren geöffnet hatte.
Sie sagt, dass die Schule aufgrund der durchschnittlichen Klassengröße zwischen 15 und 20 Schülern in Nablus berühmt geworden war. In öffentlichen Schulen können die Klassengrößen hingegen auf bis zu 40 Schüler und mehr anschwellen.
Abu Hasan, Vater und Anwalt, sagte, dass islamische Schulen zwar genauso wie öffentliche Schulen Religion in ihrem Lehrplan vorsehen, aber Schülern nicht lehren der Ideologie der Hamas zu folgen.
Abu Hasan sagte, dass er und einige andere Anwälte die Schließung vor Gericht anfechten. Aber er sei wenig optimistisch.
„Das Problem ist, dass die Arme sich bei der Anordnung auf geheime Beweise stützt. Es gibt nichts was wir einwenden und womit wir argumentieren können,“ sagte Abu Hassan, dessen Arbeit sich üblicherweise auf die Vertretung palästinensischer Gefangener, inklusive Hamas-Mitglieder, fokussiert. Vergangene Woche wurde sein Büro gestürmt.
Israel behauptet, dass seine Razzien Hamas nahestehender Schulen im Westjordanland Propagandamaterial der Gruppe und Poster, die Gewalt gegen Israel glorifizieren hervorgebracht hätten.
„Die Anschuldigungen sind äußert offensichtlich,“ sagt Major Avital Leibovich, Sprecherin der israelischen Verteidigungskräfte. „Sie missbrauchen sehr schwache Teile der Bevölkerung und bilden sie gemäß der Regeln der Hamas aus.“
Israelische Offizielle sagen, die Wohlfahrtsorganisationen der Hamas funktionieren auf verschiedenen Ebenen, die der Bewegung helfen zu wachsen: Sie fördern das Wohlwollen gegenüber der Hamas zu einer Zeit, wenn ihre militärischen und politischen Aktivitäten, die im Westjordanland verboten sind, gezwungen wurden sich in den Untergrund zu bewegen; sie geben der Gruppe eine machtvolle Plattform für Rekrutierungen und bieten ihr eine dienliche Front für den Zufluss von Geld, welches schließlich für militärisches Training und Waffen ausgegeben wird.
Aber nicht jeder innerhalb israelischer Sicherheitskreise hält die letzten Razzien für weise. Ihr Argument ist, dass zu schnell große Bevölkerungsteile in einer Notlage zurückgelassen werden, ohne, dass es jemanden gebe, an den sie sich wenden könnten. „Es muss eine Alternative für diese Organisationen geben. Wir können sie nicht einfach innerhalb eines Tages abschalten,“ sagte ein hochrangiger Sicherheitsbeamter, der sich unter der Bedingung der Anonymität äußerte, da es ihm nicht erlaubt war, sich öffentlich zu äußern.
Fatah, welche lange von Korruption befallen war, bietet nicht die sozialen Dienstleistungen, die ihre Rivalin anbietet. Und an einem Ort an dem ca. die Hälfte der Bevölkerung die Hamas bevorzugt, ist es schwer im Westjordanland eine Einrichtung zu finden, die nicht irgendeine Art von Verbindung zu der Gruppe hat.
„Dieser Verein hat keinerlei politische Verbindungen. Er beschäftigt sich auschließlich mit Wohlfahrtsarbeit,“ sagte Ali Bayouni, Vorsitzender einer Organisation, die in Nablus’ sich ausbreitenden Lagern medizinische und Bildungsangebote für Flüchtlinge zu Verfügung stellt.
Trotzdem stürmten israelische Soldaten vergangene Woche ein Büro der Gruppe, beschlagnahmten Computer und ließen ein Chaos von auf dem Boden verstreuten Akten unterhalb eines prominent aufgehängten Portaits des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas zurück.
Innerhalb der Stadt traf es das Nabluser Einkaufszentrum. Obwohl es keine Wohlfahrtsorganisation ist, sagt Israel das Einkaufszentrum gehöre einer Firma, die Verbindungen zum Bürgermeister Mayor Adli Yaish, einem Hamas –Politiker in einem israelischen Gefängnis, habe.
Das fünfstöckige Einkaufszentrum war das Erste in Nablus und mit ihren Oberlichtern, Fahrstühlen und polierten Marmorfluren würde es auch in einem amerikanischen Vorort nicht auffallen. Die Läden führen Kinderspielzeug, einige Einrichtungsgegenstände und tief ausgeschnittene Frauenbekleidung.
Während Israel behauptet, das Einkaufszentrum helfe der militärischen Kampagne der Hamas, sagen die Händler, dass die meisten ihren Laden selbst besitzen und, dass die Schließung des Einkaufszentrums ab dem 15. August – wie Israel droht – sie ruinieren wird.
„Alles was ich hatte, habe ich in dieses Geschäft investiert. Es ist meine Lebensgrundlage,“ sagt der 23-jährige Baha al-Baz, während die ausgestopften Zeichentrickcharaktere Winnie Pooh und Tweety über seine Schulter spähen. „Alle Besitzer kamen nur hierher, um zu arbeiten. Es ist nicht Fatah. Es ist nicht Hamas. Es ist ein Einkaufszentrum.“
Der englische Originalartikel erschien am 18. Juli in der Washington Post.





























