Vom Paradies träumen

von Joy Ellison, Al-Tuwani (Westjordanland)
„Ich hatte einen Traum vergangene Nacht,“ erzählte Sami (Name geändert) meinen Teammitgliedern und mir, während wir an einem heißen Nachmittag Tomatenstückchen und Oliven mampften. Sami erzählte uns, dass er in seinem Traum auf die Krone eines Pinienbaumes am Rande des Außenposten der illegalen israelischen Siedlung Havot Ma’on geklettert war. Unter ihm konnte Sami israelische Siedler sehen, wie diese das Futter, womit er seine Schafe fütterten, stahlen.
„Komm runter,“ rief einer der Siedler zu Sami. „Nein, nein,“ sagte er. „Ich bleibe hier oben.“ Aber die Siedler schafften es oben im Baum an ihn heranzukommen und ihn auf den Boden zu zerren. „Sie versuchten mich zu töten,“ erklärte er. Er legte seine Hände um seinen Hals, um uns zu zeigen, wie die Siedler ihn in seinem Traum gewürgt hatten. „Und dann wachte ich auf.“
Sami sagt, dass seine Kinder oft Albträume, wie diesen hätten. Sie hatten sogar noch mehr, erzählte er uns, aber nun sei das Dorf organisierter und erfolgreicher dabei gewaltlosen Widerstand gegenüber den Angriffen israelischer Siedler zu betreiben. Um zur Schule in Al-Tuwani zu kommen, müssen Samis Kinder immer noch zwischen der Siedlung und deren Außenposten laufen, entlang einer Straße auf der erwachsene Siedler sie mit Ketten und Steinen angegriffen haben. Da die Gewalt gegen Kinder mediale Aufmerksamkeit erzeugt hat, werden sie nun von der israelischen Armee begleitet. Zu sehen, wie Samis Kinder mich mit Lächeln und Lachen grüßen ist eine Freunde, aber es fühlt sich auch merkwürdig an – wie ein Traum.
Vor einer Woche blickte ich auf Havot Ma’on von einem Hügel, auf dem ich zuvor noch nie gesessen hatte. Als ich den Siedlungsaußenposten aus einem neuen Winkel sah, wurde ich eifersüchtig. Vor mir, im bewaldeten Außenposten, in den angrenzenden Tälern und den benachbarten Häusern der Siedlung Ma’on, bewegten sich Siedler völlig frei, ohne Angst vor Angriffen oder Verhaftungen. Meine erste Reaktion war: „Sie haben so viel Platz!“ Das Bild von der sich immer weiter ausdehnenden Siedlung erinnerte mich an einen anderen Abend, als Sami mich und meine Teammitglieder bat nach Siedlern Ausschau zu halten, während er und seine Familie sich auf dem Weg nach Hause Richtung Magher al-Abed machten. Als die Familie über die Hügel kletterte verlies tatsächlich ein Auto die Siedlung und raste hinter ihnen her. „Danke, danke!“ schrie Sami, als ich ihm anrief, um ihn zu sagen, dass Siedler kommen. Über das Handy konnte ich hören, wie er seiner Familie zurief nach Hause zu rennen. „Welch ein Albtraum,“ sagte ich zu mir selbst.
Nur selten stören Träume von Siedlern und Soldaten meinen Schlaf, aber seit Kurzem finde ich es zunehmend schwerer an einen Traum von einer besseren Zukunft für Sami und seine Familie zu glauben. Ein Taxifahrer scherzte neulich mit mir: „Wenn wir Frieden haben, sind wir im Paradies.“ Sitze ich auf einem Hügel und beobachte, wie der Sonnenuntergang den Himmel einfärbt, ist Paradies mit Sicherheit die Bezeichnung, für das was ich sehe. Aber jeden Tag scheint der Willen der israelische Regierung es mit extremistischen israelischen Siedlern, welche Palästinenser wie Sami terrorisieren, aufzunehmen, geringer zu werden. Je länger ich in Palästina lebe, desto unsicherer fühle ich mich angesichts einer friedlichen und gerechten Zukunft.
Aber manchmal, wenn ich die Kinder treffe, die morgens von der Schule kommen, fällt mir Samis Tochter Diana ins Auge. Diana ist immer noch in der Grundschule, aber sie bewegt sich mit beeindruckender Würde. Ich stehe neben Diana, als sie den israelischen Soldaten, die sich zur Schule eskortieren erklärt, dass sie zu spät seien und die Kinder nicht am richtigen Ort getroffen hätten. „Ihr müsst 7:30 Uhr kommen,“ verlangt sie. Und während ich beobachte mit welcher Überzeugung das kleine Mädchen mit den Soldaten spricht, lässt meine Verzweiflung nach. Für einen Moment höre ich auf mich zu fragen: „Wann wird dieser Alptraum enden?“ und beginne zu denken, „Wie lange kann diese Ungerechtigkeit wohl noch andauern?“ Angesichts palästinensischer Kinder, die von einer besseren Zukunft träumen, kann der heutige Horror sicher nicht mehr lange standhalten.
Die Amerikanerin Joy Ellison arbeitet für das Christian Peacemaker Team (CPT) in dem kleinen palästinensischen Ort Al-Tuwani in den Hügeln südlich von Hebron. Regelmäßig werden palästinensische Bauern im Süden Hebrons Opfer von Übergriffen israelischer Siedler, während immer mehr ihres Landes für die Erweiterung der Siedlungen enteignet wird.
Über ihre Erfahrungen schreibt Joy in ihrem Blog „I Saw it in Palestine.“
Das Foto zeigt einen palästinensischen Schäfer in der Stadt Beit Sahour nahe Bethlehem./ Luay Sababa, Ma’an Images





























